Reisejahr 2012

 

Besuch Bodega VinEcol

Besuch Vinasol/ Furlotti

Besuch Finca Algarve

Besuch La Casa del Rey

 

 

Erfahrungsbericht von Fair Wein Freundin Annegret Tzschoppe

 

 

Montag, den 5. März 2012

Reise nach La Paz / Besuch der Bodega VinEcol

 

Mein Bus fuhr um 6 Uhr, denn ich wollte pünktlich zu Arbeitsbeginn in La Paz sein. Für die 140 Kilometer braucht der Bus zwei Stunden. Per Email hatte ich mit Marcelo verabredet, dass mich sein Vater Alfredo abholt. Pünktlich um 8 Uhr kam ich in dem verschlafenen Örtchen La Paz an Niemand da, um mich abzuholen. Da ich sehr groß und blond bin, kann man mich eigentlich einfach als Deutsche erkennen. Ich fragte mehrere ältere Männer, ob sie Alfredo seien. Im Nachhinein musste ich lachen: Es waren die Taxifahrer. Leider ließen sich die Taxis nicht gleich als solche erkennen. Meine Aufregung wuchs. War ich richtig? Sollte ich überhaupt in diesen verlassenen Ort? Na ja gut, zumindest kannten sie VinEcol. Und ich hatte auch noch Alfredos Telefonnummer. Leider konnte ich Alfredo nicht erreichen. Nach einer halben Stunde hat es dann doch geklappt, und Alfredo kam, um mich abzuholen.  Wir fuhren gleich zu VinEcol, denn ich wollte in der Traubenlese mitarbeiten. Die Erntehelfer waren schon bei der Arbeit. Ich konnte auf den ersten Blick erkennen, dass es hier anstrengender werden würde als bei der Weinlese an der Mosel. Warum? Zum einen war es viel heißer und damit auch viel staubiger. Zum anderen war der Weg, den man mit seinem Gefäß (an der Mosel waren es Eimer, hier waren es rechteckige Behälter aus Metall –  tachos) zurücklegen musste, viel weiter.   Die Reihen sind 100m lang, so dass man mindestens 120 bis 150 Meter laufen muss, um seinen Behälter auszuschütten.  Und außerdem bekam ich an der Mosel einen Stundenlohn, während die Erntehelfer hier nach Leistung bezahlt wurden. Das bedeutet, dass schneller gearbeitet wurde als bei meinem Mosel-Winzer.  Sowohl Alfredo, der zusammen mit seinem Sohn Marcelo VinEcol leitet, als auch die Erntehelfer schauten etwas skeptisch, als ich mit Schere und Tacho die ersten Tempranillo-Trauben in Angriff nahm. Die Erntehelfer, die alle aus La Paz kommen, arbeiten bei der Ernte in Gruppen (meistens Familien) zusammen. Die Frauen schneiden die Trauben, während die 16 bis 18kg schweren Tachos fast ausschließlich von Männern getragen werden. Für jeden vollen Behälter bekommen sie eine Plastikmünze (ficha), die einen Wert von 3,50 Pesos  (ein Euro = 5,50 Pesos) hat.  Eine Person kann zwischen 45 und 60 Tachos pro Tag schaffen, also zwischen 150 und 210 Pesos verdienen, das heisst zwischen 30 und 40 Euro pro Tag. Einmal in der Woche, am Freitag, rechnen sie ihre Fichas ab und bekommen den Wochenlohn ausgezahlt.  Es war anfangs sehr schwierig, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen: Wenn man auf Leistung arbeitet, dann hat man natürlich keine Zeit für lange Gespräche. Außerdem stand der Chef daneben.   Und natürlich lässt sich das Misstrauen der Leute nicht in so kurzer Zeit überwinden.  Ich habe in zweieinhalb Stunden 12 Fichas erarbeitet. Ich hätte 42 Pesos verdient (8 Euro). Eine argentinische Erntehelferin hätte mehr geschafft, weil sie in der Gruppe effizienter arbeiten.  Irgendwann hörte ich auf, für mich zu arbeiten, schnitt für die anderen Trauben und kam so mit den Leuten ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass die Bezahlung bei VinEcol gut sei, da man bei anderen Weingütern zwischen 2,50 und 2,80 Pesos verdienen würde. Es wird konsequent darauf geachtet, dass keine Kinder arbeiten. Sowohl die Kontrollen des argentinischen Staates als auch die von Flo Cert (Zertifizierungsgesellschaft des Fairtradelabels) sind in diesem Bereich – glücklicherweise – sehr streng. Mindestens genauso streng sind die regelmäßigen Kontrollen durch das argentinische Weininstitut. Sogar einen Weininspektor lernte ich bei seiner Arbeit kennen.  Marcelo und Alfredo erklärten mir sehr viel über den ökologischen Weinanbau, die Rebsorten, die Verarbeitung, und ich durfte mich in der Bodega umschauen. Bevor die Trauben gepresst werden, sortiert man sie noch einmal aus. Kein einziges Blatt kommt in die Presse, um die Qualität des Weines nicht zu gefährden. Die Sauberkeit, Ordnung und die Sorgfalt, mit der gearbeitet wird, sind beeindruckend. Auch die Praktikanten aus einer Landwirtschaftsschule machen einen zufriedenen Eindruck. Sie kontrollieren die Qualität der Trauben, etikettieren die Flaschen und verpacken sie.  In der Finca (Weinanbau) von VinEcol arbeiten 12 Angestellte und in der Bodega (Weinherstellung) sieben, zu denen in der Erntezeit noch viele Erntehelfer aus dem Dorf kommen. Alfredo und Marcelo berichteten mir, dass es oft die einzige Arbeit für die Leute in dieser strukturschwachen Region sei. Sie erzählten mir auch, dass manche Leute so wenig Geld haben, dass sie ihre Fichas vor dem Zahltag im Lebensmittelladen „verpfänden“. Die faire Bezahlung während der Weinlese reicht nicht aus, um die sozialen Probleme des Landes zu beheben, aber sie ist immerhin ein guter Anfang.


Dienstag, den 6. März 2012

Besuch von Viñasol - Bodega Furlotti

 

Als ich María Laura Bardotti, die als freiberufliche Agraringenieurin arbeitet, auf dem Busbahnhof von Mendoza traf, wusste ich noch nicht, dass wir einen Ausflug in die Umgebung machen würden, um uns mit zwei Kleinproduzenten zu treffen, die Mitglied der Vereinigung Viñasol sind. Bei Viñasol, das im Jahre 2005 gegründet wurde, handelt es sich um einen Zusammenschluss von Kleinproduzenten, um ihre ökonomischen Interessen besser verteidigen zu können. Sie haben seit 2007 ein Fairtradezertifikat und arbeiten nach den Prinzipien des gerechten Handels. Bei vielen Mitgliedern von Viñasol handelt es sich um contratistas – kleine Weinbauern, die die Weinberge pachten, diese voll eigenverantwortlich bewirtschaften und einen Anteil am Verkauf der Weintrauben bekommen. Zwei dieser Contratistas sollte ich bei meinem Besuch kennenlernen. Nach fast einer Stunde Fahrt durch die herrliche Weingegend  empfing uns Eduardo, der Eigentümer der Weinberge. Wir waren auf der Finca La Esperanza – Finca „Hoffnung“ (das Schild konnte von der Fairtrade-Prämie angefertigt werden). Der Name ist hier sozusagen Programm.   Ein von alten Olivenbäumen gesäumter Weg führte uns in die Weinberge,wo Rosa und ihre zwei Jungen bei der Arbeit waren. María Laura hatte mir erzählt, dass Rosas Mann im vergangenen Jahr gestorben sei. Ein schwerer Schicksalsschlag. Nun muss Rosa für sich und ihre drei Kinder alleine sorgen. Ganz, ganz selten haben Frauen einen Vertrag als contratista: Rosa ist eine der Ausnahmen. Rosa kennt die Arbeit im Weinberg in- und auswendig, da sie jahrelang ihren Mann bei dieser Arbeit unterstützt hatte, aber nun ist sie zwangsläufig ihre eigene Chefin, obwohl das wiederum ein großes Glück ist. So ist sie in der Lage, den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen. Nur den Traktor kann sie nicht fahren, aber da hilft ihr el Chino, der zweite contratista dieses Weinbergs. Rosa war ziemlich aufgeregt, da ihre erste Weinernte bevorstand. Ich wünsche ihr, dass es eine gute Ernte wird und der Wein ein richtig guter Jahrgang. Sowohl Rosa als auch el Chino erzählten mir, welche Vorteile es für sie hat, Mitglied bei Viñasol zu sein. Sie werden von den Bodegas besser und pünktlich für ihren Wein bezahlt. Was mit dem Geld aus den Fairtradeprämien passiert, entscheiden alle Mitglieder zusammen. Zu Beginn des neuen Schuljahres wurden alle schulpflichtigen Kinder mit Schulsachen und Arbeitsmaterialien versorgt. Die Idee, die Schulkinder zu unterstützen, wurde übrigens von el Chino eingebracht. Beim Projekt Viñasol (auch viña de la solidaridad)  kann man wirklich sehen, dass die Leute einen unmittelbaren Nutzen aus dem Fairtrade-Wein haben. Ich staune nicht schlecht über all die Sachen, die mittels der Prämien bezahlt werden konnten. Sei es zum Nutzen der Gemeinschaft oder zum Nutzen des Einzelnen. Eine tolle Sache.    Bei Viñasol wird sichtbar, dass wir als Konsumenten wirklich dazu beitragen können, dass es den Bauern, den Kleinproduzenten besser geht. Wenn wir Produkte mit einem Fairtradesiegel kaufen, verbessern sich ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse.   Apropos: Der Grund für Lauras Besuch bei Rosa und el Chino war, dass sie ihnen Saatgut brachte, mit dem sie einen Gemüsegarten anlegen können. PS. Vielen Dank an María Laura Bardotti, die Viñasol unterstützt und für die Bodega Furlotti arbeitet, die einen großen Teil der Fairtrade-Trauben kauft. Durch sie verstehe ich besser, wie die Fairtradezertifizierung abläuft und was Fairetrade für die Kleinproduzenten bedeutet.

 

Mittwoch, den 7. März 2012

Besuch der Finca Algarve


Als Manuel Valdez mich am Morgen abholte, wusste ich noch nicht, dass er sich den ganzen Tag für mich Zeit nehmen würde, um mir die Finca zu zeigen und allerhand Wissenswertes über den Wein , seinen Anbau und die Herstellung zu erklären. Schon nach wenigen Minuten stellte ich fest, dass das für ihn nicht nur ein Beruf, sondern eine Leidenschaft ist.  Die Finca trägt den Namen Algarve, weil die Großeltern diese Region in Portugal verließen, um nach Argentinien auszuwandern. Nun leitet Manuel Valdez zusammen mit seinen drei Geschwistern in der dritten Generation die Geschicke der Firma. Die Finca hat sich, seit der Großvater 1955 die erste Parzelle kaufte, auf 100 Hektar vergrößert. Neben den Trauben, die an andere Bodegas verkauft werden, stellt die Finca inzwischen auch eigenen Wein her, der unter dem Namen  Cinco sentidos (Die fünf Sinne)verkauft wird.  Als wir ankamen, war die Weinlese in vollem Gange. Dieses Mal arbeitete ich nicht – wie bei VinEcol - mit, sondern war nur Zuschauerin. Für jeden mit 18 bis 20kg gefüllten Behälter (Tacho) bekommen die Erntehelfer, die alle aus der näheren Umgebung kommen, eine Münze (Ficha), die 3,50 Pesos wert ist. Obwohl die Arbeit in Hitze und Staub nicht leicht ist, herrschte gute Stimmung unter den Arbeitern. In der Finca Algarve wird sogar der beste Erntehelfer nach Abschluss der Weinlese gekürt. Manuel und seine Geschwister legen großen Wert auf gute Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung der Angestellten. Der Zertifizierungsprozess durch Flo Cert (Fairtrade) ist leider noch nicht abgeschlossen, aber in vollem Gange. Dabei wird nicht nur die faire Bezahlung überprüft, sondern auch die Hygiene-und Arbeitsbedingungen und der Arbeitsschutz strengstens kontrolliert. Das Verbot von Kinderarbeit versteht sich von selbst.  Wie ich schon bei meinen vorherigen Besuchen bei VinEcol und Viñasol feststellen konnte, verbessert Fairtrade die Arbeits-und Lebensbedingungen der Menschen: Mit der von Fair-Wein ausgeschütteten Prämie wurde einer der lokalen Kindergärten unterstützt.  Neben den vielen Informationen über den gerechten Handel beim Wein erfuhr ich von Manuel jede Menge über Bewässerung – der argentinische Wein aus Mendoza wird mit Wasser, das aus den Anden kommt, bewässert, Rebsorten (darunter das Aushängeschild des argentinischen Weins – Malbec),  Weinerziehung (darunter versteht man, wie die Reben wachsen sollen) usw. Je mehr ich mich mit Wein beschäftige, umso deutlicher wird für mich, wieviel Wissen und Arbeit in einer Flasche Wein stecken. Und dazu kommen im Falle von Cinco Sentidos noch Liebe und Leidenschaft für den Wein.

 

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